Marica Bodrožić – Nicht in allen Bereichen preiswürdige Schriftstellerin

Die deutsche Schriftstellerin kroatischer Abstammung Marica Bodrožić erhält in diesem Jahr den Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen. Der Preis wurde im Gedenken an diesen in Aachen geborenen Schriftsteller gestiftet. Die Jury würdigt mit der Preisvergabe 2020 das Gesamtwerk der 1973 geborenen Autorin, die mit „ihrem Leben und Werk für einen Fokus auf Mittel-Europa“ steht und die das „Grenzgänger-Sein in einem modernen Europa verkörpert.“ Ihr Werk zeigt indes auch andere,  weniger preiswürdige Seiten, auf die dieser Beitrag aufmerksam machen will.

Marica Bodrožić gehört  zweifellos zu den talentierten deutsch schreibenden Literaten und Literatinnen. Ihre „zweite Muttersprache“, wie sie Deutsch selber nennt, hat sie zur Virtuosität entwickelt. Die schöpferische Kraft von Marica Bodrožić ist beachtlich: „Ihre früheren Erzählungen und Gedichte“, so bei Wikipedia nachzulesen, „widmen sich der poetischen Ausschöpfung  von Gedächtnis und Erinnerung; meist sind diese literarischen Arbeiten im Hinterland von Dalmatien (manchmal auch in der Herzegowina, wo sie Teile ihrer frühen Kindheit verbrachte) situiert, in der sich das Mittelmeer, der Karst und die Gnadenlosigkeit des Wetters, der Natur  überhaupt im Leben und in den Schicksalen der Menschen spiegeln. Immer wieder sind es Suchende, Umherreisende, Verlorene, derer sie sich annimmt und die sie sprachlich, den einfachen Menschen ein Denkmal setzend, evoziert, ja regelrecht besingt. Die Sprache selbst wird bei Marica Bodržić dabei zur Protagonistin. Ihre Prosa ist immer lyrisch durchsetzt, die Lyrik stellenweise erzählerisch verortet. In den neueren, vor allem lyrischen Arbeiten der Autorin nehmen Themen wie Mystik, Transzendenz, Erotik, Weiblichkeit und Liebe einen größeren Raum als bisher ein.“

Man kann sowohl ihre Prosa als auch die Poesie als gelungene fiktive Literatur mit höchstem Genuss lesen und bewundern. Indes dort, wo sie ins Politische gleitet, wie in ihrem ambitionierten Reisebericht „Mein weißer Frieden“ (Luchterhand  Literaturverlag, München 2014), wird vieles ungenau, fraglich, ja mitunter unkorrekt. Indes dürfen sowohl die kroatischen Leser als auch  Kritiker   von ihren in fremden Sprachen  schreibenden  Autoren erwarten,  dass sie einen umfassenderen  Einblick in die   Belange des Landes besitzen als Autoren anderer Sprachen. Bei Marica Bodrožić ist dies nicht der  Fall.

Leider übernimmt Bodrožić ungeprüft viele Vorurteile und nicht gerechtfertigte Urteile von  deutschen und kroatischen linken  Intellektuellen. Sie reist über das südkroatische Dalmatien nach Bosnien-Herzegowina mit einem Furor, ohne auch nur im Ansatz  die Unausweichlichkeit des postjugoslawischen Kriegs aufzuzeigen, der den Kroaten und Bosniaken von Serbien und seinen Helfershelfern aufgezwungen worden war. Sie sieht die Schuld bei den Kroaten auch dort, wo  sie nicht existiert, im Bemühen, ein Gleichgewicht zwischen Opfer und Täter herzustellen. Fraglos war keiner der Kriegsteilnehmer unschuldig aus dem Krieg hervorgegangen, und dennoch macht es einen Unterschied, ob sich die einen verteidigen mussten und die anderen die Angreifer waren mit dem Ziel, ein Großserbien zu verwirklichen. Diese Sicht der Ereignisse vertreten nicht nur kroatische, sondern auch zahlreiche ausländische politische Analysten.

Es verwundert, dass eine so explizite „Dalmatinerin“ wie Marica Bodrožić so wenig über ihre engere Heimat informiert ist.  So schreibt sie, Dalmatien sei erst nach dem Untergang des sozialistischen Jugoslawien ein Teil Kroatiens geworden. Dazu schreibt der Historiker und Fachmann für Dalmatien,  Prof. Aleksandar Jakir von der Universität Split: „Nach dem Untergang Österreichs gehörte Dalmatien zunächst zum kurzlebigen, die Südslawen der Donaumonarchie umfassenden Staat der Slowenen, Kroaten und Serben, dann zum vom serbischen Monarchen beherrschten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das schließlich nach der Ausrufung der offenen Königsdiktatur 1929 in Königreich Jugoslawien umbenannt wurde. Nach dem Angriff der Achsenmächte am 6. April 1941 zerfiel dieses Königreich, das aufgrund der Belgrader Dominanz die Kroaten nicht als das ihre empfanden, innerhalb weniger Tage. Für Dalmatien bedeutete das zunächst, dass es geteilt wurde und dass große Teile von Mussolinis Italien annektiert wurden…Seit Ende Juni 1941 formierte sich auch in Dalmatien eine starke antifaschistische Guerilla, die sich zu von Kommunisten angeführten Partisaneneinheiten ausweitete, was in Folge den mit großer Grausamkeit auch auf dem Gebiet Dalmatiens geführten Zweiten Weltkrieg zugleich zu einem blutigen Bürgerkrieg werden ließ. Nach dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition und der sog. Volksbefreiungsarmee unter der Führung Josip Broz Titos, die Ende Oktober 1944 das Küstengebiet und das Hinterland einnahmen, wurde Anfang 1945 in Split die Regierung des neuen antifaschistischen Kroatien gebildet. Die verbliebene italienischsprachige Minderheit wurde in die Emigration gezwungen, die antikommunistischen Kräfte nach dem Sieg der Partisanen unterdrückt. Die neue Macht  rechnete blutig mit allen wirklichen oder vermeintlichen Feinden ab. Ganz Dalmatien (bis auf die Bucht von Kotor und Budva, die Montenegro zugeschlagen wurden) wurde nun Teil der sozialistischen kroatischen Teilrepublik innerhalb des während des Krieges neu gegründeten föderativen Jugoslawien.“

Mangelnde historische Kenntnis  zeigt Bodrožić, wenn sie die Hauptstadt des römischen  Dalmatiens Solana nennt, aus welchem das spätere Split entstanden sein soll.  Richtig ist vielmehr,  dass das spätere Split Aspalathos hieß und fünfzehn Kilometer vom damaligen Salona entfernt lag. Weiter heißt es bei der Autorin, dass erst im 16. Jahrhundert die Oberschicht Splits die kroatische Sprache übernommen hat. Tatsache dagegen ist, dass der Vater der kroatischen Literatur, Marko Marulić von Split, bereits  im 15. Jahrhundert die Sprache seines Epos „Judith“ ebenso wie die seiner Gedichte ausdrücklich Kroatisch nennt. Seine theologischen Werke wurden  in Köln gedruckt.  Nicht korrekt ist auch die Behauptung der Autorin,  die Bewohner der Republik Ragusa (heutiges Dubrovnik) hätten nur eine Variante der  italienischen Sprache, das so genannte Ragusianisch, gesprochen und nicht kroatisch oder italienisch. Richtig ist, dass in Dubrovnik so bedeutende Schriftsteller wie Ivan Gundulić und Marin Držić, aber auch viele weniger bekannte Autoren,  ihre Werke  in einem kroatischen, dem so genannten ijekawischen-schtokawischen Dialekt verfasst haben, der von den meisten Bewohnern dieser Stadt gesprochen wurde. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieser dann von kroatischen Kulturinstitutionen als Hochkroatisch übernommen.

In ihrer „Dalmatinischtümmelei“ wagt Marica Bodrožić sich politisch auf sehr glattes Terrain. So bevorzugte Wien in Dalmatien  zu Zeiten von Österreich-Ungarn  die proitalienischen, so genannten „Autonomisten“, besonders durch eine ungerechte Wahlgesetzgebung. Demzufolge  waren die dalmatinischen Kroaten und Serben, obwohl sie 95 Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachten, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Provinzparlament in Zadar in der Minderheit. Auch im königlichen Jugoslawien wurde der dalmatinische Separatismus aus Belgrad unterstützt. Die prokommunistischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg propagierten das so genannte „Dalmatinertum“, um  im Kampf gegen die nationalistischen Ustaschas (die Aufständischen) des Staatsoberhaupts Ante Pavelić in der Provinz mehr Einfluss zu bekommen, was ihnen auch gelang.  Diese Bestrebungen dauerten  die gesamte  Zeit des sozialistischen Jugoslawien über an, wo das Kroatentum wegen seines vermeintlichen „Separatismus“ dem Druck durch die Kommunisten ausgesetzt war. Im postjugoslawischen Krieg wurde im dalmatinischen Knin, im Mittelalter  Sitz kroatischer Könige, die so genannte „Serbische Republik Krajina“ proklamiert. Der Vater des serbischen Nationalismus, Dobrica Ćosić, bot einst in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Corriere  della Sera“ Italien ein „Restdalmatien“ an. In Italien leben bis heute ehemalige italienische Flüchtlinge, die ihre irredentistischen Träume über einen Anschluss Dalmatiens an Italien noch immer nicht aufgegeben haben. Heute hat sich das „Dalmatinertum“ nur in der Folklore und im Humor erhalten. Marica Bodrožić  indes hält es als ethnische Zugehörigkeit hoch, eine politische Haltung aus österreichisch-ungarischen Zeiten, als die Kroaten in Dalmatien von den dortigen Italienern als “Villani“ (Leibeigene) beschimpft wurden.

Was Bodrožić in ihrem Reisebuch über den ersten kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman schreibt, mag allein ihrer ausgeprägten Emotionalität geschuldet sein. Mit  historisch belegbaren Fakten hat das  nichts zu tun, wenn sie schreibt: „Überall war während des Krieges das Bild des kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman zu sehen, der nicht einmal mit der Wimper zuckte und eine ganze Generation seiner Idee von einem nationalistischen Kroatien opferte. Er war, aus der Distanz betrachtet, ein lispelnder Mann, der, einmal an der Macht, sich sofort aufs Reinemachen verstieg; die Sprache, die Literatur, die Kultur – sie waren ihm ein Dorn im Auge. Er leugnete den Holocaust und zögerte nicht, Pavelić, jenen Führer, den mein Vater und Tausende anderer Menschen in Heiligenbildchen-Größe verehrten, zum nationalen Helden zu ernennen. Er schadete damit auf  Dauer im Kern dem Frieden und den Menschen seines Landes mehr, als es der Krieg selbst vermochte.“

Dieser Beurteilung von Bodrožić steht die Tatsache gegenüber,  dass Tuđman den Unabhängigen Staat Kroatien (1941-1945) zwar als „Ausdruck des Verlangens des kroatischen Volkes nach einem eigenen Staat“ sah,  ihn aber auch als eine Quisling´sche  Gründung, ein verbrecherisches Gebilde und das Resultat der Beseitigung der Versailler Verträge durch Hitler bezeichnete. Von vier seiner Urteile  sind  also drei für den Unabhängigen Staat Kroatien negativ.  Im Übrigen ist der Antifaschismus in der kroatischen Verfassung verankert.  Auch gab es kein, wie die Autorin es bezeichnet, „Reinemachen“ durch Tuđman in der Sprache, Literatur und Kultur. Die überwiegende Mehrheit der kroatischen Intellektuellen waren auch während seiner Herrschaft trotzige Linke aus kommunistischen Zeiten. Ihn als Antisemiten zu bezeichnen ist absurd. Einer seiner  größten Kritiker und einflussreichstes Mitglied der Zagreber jüdischen Gemeinde, Slavko Goldstein, hat dies mehrmals verneint. Auch hat Tuđman zu keiner Zeit Pavelić rehabilitiert, ebenso hat er niemals  die Serben als Volk pauschal herabgesetzt. Schließlich lebte er als jugoslawischer General viele Jahre in Belgrad, seine Kinder sind in der serbischen Hauptstadt geboren, und sowohl Serben als auch Juden saßen als Minister in seinen Regierungen. Zweifellos hat Tuđman viele Fehler begangen, doch war er der einzige Staatsmann in Kroatien  als Gegenspieler von Slobodan Milošević der richtige Mann am richtigen Ort. Eine fundierte Biografie von Tudjman in Englisch und als kroatische Übersetzung  hat der amerikanische Historiker James S. Sadkovich  vorgelegt.

In ihrer beharrlichen Suche nach Antisemitismus in Kroatien wird  Marica Bodrožić auf einem schwer zugänglichen jüdischen Friedhof in Split fündig, nicht wissend, dass er seit einem Jahrhundert nicht mehr in Gebrauch ist. Sie beklagt, dass ein serbischer Friedhof in ihrem Dorf verwüstet worden sei, was ihrem Vater Tränen in die Augen treibe. Und ihre Mutter wolle mit ihr nicht mehr „über serbische Leiden“ reden.  In ihrem Geburtsort Svib lebten 885 Kroaten und nur elf Serben. Gab es für sie einen eigenen Friedhof? Schwer zu glauben.  Sie fahndet nach Serben selbst auf der entfernten  Adriainsel  Vis, wo Serben nur als Offiziere der Jugoslawischen Volksarmee dienten. Sie macht einen vermeintlichen  Franziskaner als Kommandanten des verbrecherischen Konzentrationslagers Jasenovac (1942-1945) aus, obwohl eine gründlichere Recherche ergeben hätte, dass dieser bereits zu einem früheren Zeitpunkt aus dem Orden entlassen worden war, mithin kein Franziskaner mehr war. Im Zweiten Weltkrieg und viele Jahre danach haben jugoslawische Kommunisten und serbische Nationalisten etwa 600 kroatische Priester und  Ordensleute ermordet. Das erwähnt die Autorin nicht.

Für die Benennung der  kroatischen Sprache bevorzugt Bodrožić das so genannte Serbokroatisch. Sie bezieht sich dabei auf Snježana Kordić,  die als  einzige kroatische Linguistin diesen unwissenschaftlichen Standpunkt zu einer nicht existenten Sprache vertritt. Als ihren Gegenspieler benennt Bodrožić keinen geringeren als den nationalistischen Führer Ante Pavelić, der von 1941 bis 1945 in Kroatien die etymologische Schreibweise verordnet hatte. Eine leicht zugängliche Recherche im Internet hätte Marica Bodrožić  darüber belehren können, dass eine solche Rechtschreibung in Kroatien bis Mitte des 19. Jahrhunderts und bei einigen Schriftstellern auch danach in Gebrauch war.  Kroatisch und Serbisch sind zwei Standardsprachen, die starke Ähnlichkeiten aufweisen, jedoch nicht identisch sind, vergleichbar dem Schwedisch und Norwegisch oder Mazedonisch und Bulgarisch.  An dieser Stelle sei ein kleines, aber sehr lehrreiches Buch von Mario Grčević unter dem Titel „Die Entstehung der kroatischen Literatursprache“ (Verlag Böhlau, Köln, Weimar, Wien 1997) empfohlen.

Bedauerlich, dass das sprachlich wunderbar verfasste Reisebuch von Marica Bodrožić  „Mein weißer Frieden“ durch ihre starke Ideologisierung gelitten hat. Sie stellte falsche Fragen den falschen Leuten und gab sich mit den falschen Antworten zufrieden.

Autor: Gojko Borić