Neue Zürcher Zeitung – Vukovar hat weiterhin zwei Parallelwelten

Die Stadt Vukovar an der Grenze zu Serbien wurde im kroatischen Unabhängigkeitskrieg 1991 fast völlig zerstört. Zwar sind die Spuren beseitigt, doch lastet die düstere Vergangenheit noch immer auf den Bewohnern. Die staatliche Geschichts- und Erinnerungspolitik spaltet Kroaten und Serben. Was viele von ihnen über die ethnischen Trennlinien hinweg eint, ist das Gefühl der Vernachlässigung.

Es war ein düsterer Tag in Vukovar. Es regnete in Strömen, ohne Unterbruch. Dunkel hingen die Wolken über der Trümmerwüste. Kurz nach der Einnahme der ostkroatischen Stadt durch die Jugoslawische Volksarmee und serbische Milizen am 18. November 1991 bot sich den aus Belgrad herangekarrten Journalisten ein Bild des Grauens.

Vukovar war drei Monate lang beschossen worden. Ganze Strassenzüge waren verwüstet, viele Häuser ausgebrannt. Verkohlte Baumstämme ohne Äste ragten in den Himmel. Im Innenhof des Spitals lagen neben zerschossenen Ambulanzfahrzeugen entstellte Leichen. Die serbischen Begleiter sprachen triumphierend von einem «grossen Sieg über die kroatischen Faschisten» und davon, dass Vukovar für immer serbisch sein werde.

Zwei Soldaten der serbisch dominierten Jugoslawischen Volksarmee im November 1991 zwischen zerschossenen Häusern in Vukovar. Srdjan Ilic / AP

Zum Abschluss dieser zynischen Propagandashow wurden die Journalisten aus der Feldküche der Armee versorgt. Suppe wurde verteilt, Schnaps herumgereicht. Es war kalt, nass und dunkel in der «befreiten» Stadt, in dieser gespenstischen, menschenleeren Trümmerwüste, auf die unaufhörlich der Regen niederprasselte. Nur der Lärm von Militärfahrzeugen durchbrach ab und zu die Totenstille.

Vukovar blieb nur wenige Jahre unter serbischer Herrschaft. Der Traum von der Vereinigung mit Serbien endete abrupt. Nachdem die kroatische Armee im August 1995 grosse Teile der von den aufständischen Serben beherrschten Gebiete im Südosten des Landes innert weniger Tage zurückerobert hatte, kam die Region von Vukovar für eine Übergangszeit unter Uno-Verwaltung. Das Mandat endete Mitte Januar 1998 mit der vollständigen Wiedereingliederung in den kroatischen Staat.

Während die Militäraktion vom August 1995 einen Massenexodus fast der gesamten serbischen Bevölkerung auslöste, blieben in Vukovar viele Serben auch nach dem Machtwechsel. Vertriebene Kroaten kehrten zurück. Die Uno-Mission hatte ihr Ziel erreicht.

Ein serbischer Flüchtling aus Kroatien zeigt einen Stein, mit dem wütende Kroaten in Sisak die Scheibe des Autobusses eingeschlagen haben.

Die Last des Krieges

Wer heute durch Vukovar schlendert und nicht weiss, was sich hier vor bald dreissig Jahren abgespielt hat, käme nicht auf die Idee, dass die Stadt damals fast völlig zerstört war. Die äusseren Spuren des Krieges sind weitgehend beseitigt, die Häuser im Zentrum wurden im barocken Stil wiederaufgebaut.

Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tragödie von Vukovar nach wie vor schwer auf der Stadt und ihren Bewohnern lastet. Zwischen 2500 und 3000 Personen waren getötet worden. Viele werden noch immer vermisst. Es ist die Deutung der damaligen Ereignisse, die Kroaten und Serben mehr als alles andere trennt. Die Sichtweisen sind unvereinbar, und die regierenden Politiker auf beiden Seiten sind nicht bereit, daran etwas zu ändern.

In der offiziellen kroatischen Geschichts- und Erinnerungspolitik sind die Kroaten die Opfer, die Serben die Täter. Kroatische Verbrechen an Serben werden verschwiegen oder relativiert. Solange nicht alle serbischen Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen würden, sei ein Miteinander in Vukovar nicht denkbar, sagen viele kroatische Bewohner.

Ein Einwohner von Vukovar lädt die Reste seines Hausrats auf einen Anhänger (28. November 1991).

Die Serben betonen, die Tragödie von Vukovar betreffe alle. Auch Serben seien Opfer gewesen, auch Serben hätten in der belagerten Stadt ausgeharrt. Nach Meinung vieler kroatischer Politiker kann es in Vukovar ohne die Anerkennung der Wahrheit, gemeint ist die kroatische Wahrheit, die als einzig richtige hingestellt wird, keine Versöhnung und keine gemeinsame Zukunft geben. Die Serben hingegen beharren auf ihrer eigenen «serbischen Wahrheit» und auf der Anerkennung auch der serbischen Opfer.

Ein gemeinsames Gedenken ist so unmöglich. Dazu sei es zu früh, sagen kroatische Bewohner. Die Verbrechen, die Serben hier begangen hätten, seien zu ungeheuerlich. Das Erinnern im öffentlichen Raum bleibt selektiv und ethnisch getrennt. Jede Seite gedenkt ihrer eigenen Opfer. Jeweils am 18. November, dem Tag der Kapitulation, pilgern viele Kroaten nach Vukovar. Auch hochrangige Politiker eilen herbei. Sie alle marschieren in der «Kolonne des Erinnerns an das Opfer von Vukovar», so die offizielle Bezeichnung, durch die Stadt.

Der kroatische Gedenkmarsch am 18. November 2018 zur Erinnerung an die Besetzung und Eroberung Vukovars. Slavko Midzor / Pixsell / Imago

Eine Prozession von Kroaten bewegt sich vom Friedhof nach Ovcara, dem Ort eines serbischen Massakers (20. November 2016).

Imago

Bemerkenswert ist, dass für das Wort «Opfer» der Singular verwendet wird und nicht, wie man erwarten könnte, der Plural. Im Vordergrund stehen also nicht so sehr die einzelnen Opfer. Es geht vielmehr, in einem kollektiven und abstrakten Sinn, um das Opfer, das Vukovar für die Unabhängigkeit und die Freiheit Kroatiens erbracht hat. Gedacht wird des kollektiven Leidens für ein höheres politisches Ziel. Vukovar hat aus dieser Sicht dem «serbischen Aggressor» lange Widerstand geleistet und so, trotz der Niederlage, Kroatien gerettet. In einem solchen Narrativ haben die Serben keinen Platz, sie bleiben ausgeschlossen. Wie sollen die im Krieg entstandenen Trennlinien überwunden werden, wenn jede Seite nur auf ihrer eigenen Wahrheit beharrt, nur die eigenen Opfer sieht und keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten der anderen Seite nimmt?

Das Kyrillische als Feindbild

Selten sind in Vukovar beim Eingang zu öffentlichen Gebäuden und staatlichen Institutionen zweisprachige kroatisch-serbische Schilder mit lateinischer und kyrillischer Schrift zu sehen. Gemäss dem Verfassungsgesetz über den Gebrauch der Sprache und der Schrift der Minderheiten sind alle Gemeinden, in denen der Anteil einer Minorität mehr als ein Drittel ausmacht, zu einer zweisprachigen Beschriftung verpflichtet.

Das gilt auch für Vukovar, denn laut dem jüngsten Zensus von 2011 sind knapp 35 Prozent der Bewohner Serben. Als Zagreb 2013 das Gesetz durchsetzen wollte und zweisprachige Schilder angebracht wurden, kam es zu Protesten. Vor allem Kriegsveteranen, aber auch andere Bewohner der Stadt, die sich «Verteidiger des kroatischen Vukovar» nannten, rissen die Schilder herunter. Für nationalistisch gesinnte Kroaten ist das Kyrillische die «Schrift des Feindes».

Als im Oktober 2019 ein serbischer Abgeordneter des lokalen Parlaments dem kroatischen Bürgermeister ein in serbischer Sprache und mit kyrillischen Buchstaben geschriebenes Exemplar des Statuts von Vukovar überreichen wollte, geriet dieser dermassen in Rage, dass er das Dokument wutentbrannt auf den Boden warf. Das sei eine Provokation, die ihn zutiefst beleidige, ein «Akt der Aggression». Bei einer anderen Gelegenheit meinte er, serbische Politiker wollten «um jeden Preis» die kyrillische Schrift einführen, damit sie das verwirklichen könnten, was die «grossserbische Aggression» 1991 nicht erreicht habe.

Das lokale Parlament, in dem die kroatischen Abgeordneten in der Mehrheit sind, befindet jedes Jahr darüber, ob die Bedingungen für eine vollständige Umsetzung des Minderheitengesetzes erfüllt seien, zuletzt im Herbst 2019. Wie nicht anders zu erwarten war, kam das Gremium zum Schluss, dies sei noch nicht der Fall.

Zuerst müssten alle Serben, die während des Krieges in Vukovar Verbrechen begangen hätten, zur Rechenschaft gezogen werden. Erst wenn den Kroaten Gerechtigkeit widerfahre, sei ein weiteres Entgegenkommen möglich. Mit anderen Worten: Die Einführung zweisprachiger Schilder wird Jahr für Jahr, trotz den Aufforderungen des Verfassungsgerichts in Zagreb, auf die lange Bank geschoben.

Kinder werden in ethnische Korsette gesteckt

Die serbische Minderheit in Vukovar hat weitgehende Minderheitenrechte, etwa das Recht auf den Gebrauch der eigenen Sprache und der kyrillischen Schrift im Unterricht. Damit wird die ethnische Trennung in den Schulen gerechtfertigt, obschon sich Kroatisch und Serbisch nur wenig voneinander unterscheiden und jeder jeden problemlos versteht.

Die Sprache dient in diesem Fall vor allem der Festigung der nationalen Identität und der ethnischen Abgrenzung. Die Segregation beginnt schon früh. Der Kindergarten im Zentrum der Stadt hat zwei separate Eingänge, einen für die kroatischen und einen für die serbischen Kinder. Auch der Spielplatz ist ethnisch getrennt. Es handelt sich um zwei Kindergärten im gleichen Gebäude, die aber nichts miteinander zu tun haben. Bereits die Kinder werden in ethnische Korsette gesteckt. Die Segregation setzt sich fort in den Grund- und Mittelschulen, in denen Kroaten und Serben auf allen Stufen und in allen Fächern getrennt unterrichtet werden, nach kroatischen Lehrplänen.

Kroaten reissen eine Tafel von einem lokalen Verwaltungsgebäude in Vukovar, weil dieses zweisprachig, auch mit kyrillischen (serbischen) Buchstaben, angeschrieben ist (2. September 2013). Goran Ferbezar / AP

Wenn kroatische Politiker von der Notwendigkeit sprechen, die Segregation zu überwinden, heisst das für sie, dass kroatische und serbische Schüler – allenfalls mit Ausnahme der Fächer Muttersprache, Geschichte und Geografie – gemeinsam in kroatischer Sprache und unter Verwendung der lateinischen Schrift unterrichtet werden. Das lehnen die serbischen Politiker ab.

Unterricht in serbischer Sprache in allen Fächern ist für sie ein Garant für die Bewahrung der eigenen Identität. Was sie darüber hinaus fordern, sind eigene serbische Schulen, die als solche registriert sind. Allerdings schicken immer mehr serbische Eltern ihren Nachwuchs in Klassen mit kroatischer Sprache. Sie erhoffen sich eine bessere Zukunft für ihre Kinder, wenn die Zeugnisse in lateinischer Schrift und in Kroatisch geschrieben sind, also in der Sprache eines EU-Landes. Der Pragmatismus der Bewohner steht einmal mehr im Gegensatz zum Abgrenzungswahn nationalistischer Politiker. Materielle Vorteile im Alltag sind wichtiger als starre ethnische Zuordnungen und patriotische Bekenntnisse.

Facettenreiche Realität

Auf die Frage nach ethnischen Trennlinien ausserhalb der Schule, erhält man unterschiedliche Antworten. Die einen betonen, das Zusammenleben sei gut, kroatische und serbische Jugendliche gingen miteinander aus, besuchten oft die gleichen Cafés und Restaurants, ohne Rücksicht darauf, ob der Besitzer Kroate oder Serbe sei. Viele seien zudem in gemeinsame ausserschulische Projekte eingebunden.

Sie wehren sich dagegen, Vukovar immer nur durch die ethnische Brille zu betrachten. Sie sind nicht bereit, die Bürde eines Krieges zu tragen, den ihre Eltern ausgefochten haben, mit dem sie selbst aber nichts zu tun haben. Andere sagen das Gegenteil. Die Gesellschaft sei tief gespalten. Die ethnische Trennlinie werde nur überschritten, wenn es absolut notwendig sei. Sie sprechen von Barrieren in den Köpfen, von ungeschriebenen Regeln, von sozialem Druck. Kroaten und Serben lebten in unterschiedlichen Welten.

Wer Beweise für eine Festigung der ethnischen Trennung sucht, findet sie. Wer jedoch den Nachweis erbringen will, dass alles normal ist, wird ebenfalls fündig. Beide Befunde sind Teil der vielschichtigen, facettenreichen Realität, die nicht geglättet werden darf.

Untersuchungen der Universität Zagreb haben ergeben, dass unter den jungen Kroaten und Serben in Vukovar die Distanz zur jeweils andern Ethnie grösser ist als bei ihren Eltern, die zu einer Zeit aufgewachsen sind, in der Vukovar in ganz Jugoslawien als Modell für ein multikulturelles Zusammenleben galt. Ethnische Trennlinien spielten damals kaum eine Rolle, nationale Identitäten waren oft fliessend. Viele ethnisch gemischte Ehen wurden geschlossen. Die Zahl jener, die sich bei Volkszählungen nicht als Kroaten oder Serben deklarierten, sondern als Jugoslawen, war besonders hoch.

Vukovar war zudem in jener Zeit eine wirtschaftlich prosperierende Stadt. Im Gegensatz dazu ist für ihre Kinder die ethnische Trennung in den Schulen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Sie kennen nichts anderes. «Wir leben hier ganz normal», sagen viele Jugendliche. Ihnen ist es egal, was sich auf der anderen Seite der Trennlinie abspielt. Die Segregation in den Schulen und die schrille nationalistische Propaganda hinterlassen ihre Spuren.

Angestellte des Spitals von Vukovar verlassen im November 1991 unter den Augen von Angehörigen der Jugoslawischen Volksarmee ihren Arbeitsort. Srdjan Ilic / AP

Seit vielen Jahren sind wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und die Abwanderung der Jungen die grossen Probleme Vukovars. Alen Gurovic / Imago

Heute ist Vukovar kein prosperierender Ort mehr. Es fehlt an Arbeitsplätzen. Die Löhne sind niedrig, die Preise dagegen so hoch wie in Zagreb. Während Politiker eifrig ethnische Identitäten und nationale Geschichtsbilder konstruieren, wandern immer mehr junge und gut ausgebildete Kroaten und Serben aus. Die Einwohnerzahl wird heute auf 19 000 bis 22 000 geschätzt. Vor dem Krieg lag sie bei 44 500. Vom Titel «Heldenstadt» kann niemand leben.

Die Region gehört heute zu den ärmsten Kroatiens. Die Frage, ob man wegziehen oder bleiben soll, beschäftigt die Bewohner, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, weit mehr als die übertriebene Identitäts- und Abgrenzungspolitik. Viele ältere Kroaten, die stolz darauf sind, im Krieg 1991 ihre Häuser verteidigt zu haben, müssen nun zusehen, wie sich diese immer mehr leeren.

Der Autor war von 1986 bis 2015 Auslandredaktor und Korrespondent für Südosteuropa der NZZ und berichtete unter anderem über die Jugoslawienkriege.

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Cyrill Stieger 

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Ruža Studer
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