Kommentar – Oh du schöne Heimat!

Die Unwissenheit und das Verlangen nach Sensationslust in Schweizer Medien.

In den vergangenen Tagen wird in ausländischen Medien und in den Sozialen Netzwerken rege über den deutschen Torhüter Manuel Neuer diskutiert. Grund dafür sind seine Ferien in Kroatien. Nach einem Ausflug besingt der Fussballprofi mit Freunden das bekannte kroatische Lied «Lijepa li si».

Allen voran hat die deutsche Boulevardzeitung Bild diverse Artikel zu Manuel Neuers angeblichem Fehltritt publiziert. Darauf hat unter anderem die Croatian Fan Embassy reagiert. Es ist ein neu gegründete Verband von Fans der kroatischen Nationalmannschaft.

Und zufällig wurden die Nachrichten auch von Schweizer Medien, namentlich dem «Blick» und «20min», übernommen. In den veröffentlichten Artikeln heisst es, Neuer singe ein Lied einer «Fascho-Band». Im Gegensatz zu ihm, hätten die kroatischen Fussball-Nationalspieler jedoch genau gewusst, was sie singen, als sie in Zagreb 2018 nach der WM in Russland von der Bevölkerung empfangen wurden, schreiben die Autoren weiter.

Nur einen Tag später heisst es in einem weiteren Artikel, dass Ivan Rakitić Neuers angeblichen Fehltritt beim Besingen «dieser Lieder» verteidigte. Rakitić, der Jahrelang mit Neuer zusammenspielte, schätze den Deutschen nicht nur als aussergewöhnlichen Sportler, sondern mag ihn auch wie ein Bruder. Weiter erklärt der Fussballprofi, dass das umstrittene Lied niemanden beleidige und lediglich die Schönheit der Heimat besinge. Rakitić geht im Artikel gar noch einen Schritt weiter und sagt, dass das Lied sogar von der UEFA als Hymne der kroatischen Nationalmannschaft anerkannt wurde. Im gleichen Artikel wird aber auch der Wissenschaftler Dario Brentin aus Graz zitiert. Brentin erforscht die nationale Identität im Sport im postkommunistischen Kroatien und sieht die Sache anders als Rakitić. Er sagt: «Die Erwähnung von Herceg-Bosna im Lied kann als Überprüfung der Staatlichkeit Bosnien und Herzegowinas und als Verherrlichung der Expansionsbemühungen Kroatiens in den neunziger Jahren verstanden werden.»

Viele von uns denken und reagieren heutzutage wie Rakitić. Auch ich erkläre meinen Schweizer Freunden den Sachverhalt, ich wiederhole es unzählige Male geduldig und werde dies auch künftig immer wieder tun. Nicht nur ich habe reagiert, auch viele andere haben reagiert. Gemeinsam haben wir eine Pressemitteilung an diverse Schweizer Medienhäuser verschickt. Unterzeichnet von zahlreichen kroatischen Verbänden, Kroatinnen und Kroaten – alle sesshaft in der Schweiz.

Folgendes gilt all jenen Journalisten, die über Manuel Neuer und seine angebliche Entgleisung berichtet haben: Ja, geschätzte Schweizer Journalisten, wir alle kannten und kennen den Inhalt des Liedes – unsere Fussballer, alle Kroatinnen und Kroaten auf der ganzen Welt und alle, die unsere Vize-Weltmeister in Zagreb begrüsst haben. Wir alle finden uns im Lied «Lijepa li si» wieder. Ein Lied, das die Schönheit der Heimat und der Regionen beschreibt. Ein Lied, in denen das kroatische Volk lebt! Das ist nicht nur Heimatliebe. Das alles symbolisiert Zusammengehörigkeit, Stolz und Liebe.

Während ich nun all das niederschreibe, frage ich mich, wie viele Kroatinnen und Kroaten: Warum müssen wir uns überhaupt für das Lied rechtfertigen, in dem sich jeder von uns wiedererkennt? Sollten wir vielleicht erklären, dass Thompsons Lieder, die immer wieder im Kontext einer «faschistischen Band» erwähnt werden, während des Heimatkrieges entstanden sind? Müssen wir erklären, dass Herceg-Bosna erwähnt wird, weil dies Gebiete sind, in denen Kroatinnen und Kroaten seit Jahrhunderten leben? Müssen wir erklären, welche der gegenwärtigen Fussballnationalspieler Wurzeln aus diesem Gebiet haben? Sollten wir auf Kommentare reagieren, bei denen ständig gegen uns und unsere Fussballspieler wie etwa Luka Modrić gehetzt wird?

Wie wäre es denn, wenn angesehene Journalistinnen und Journalisten einmal versuchen würden, über den Tellerrand hinauszusehen. Nämlich die Tatsache, was solche Artikel für uns, bestens integrierten Kroatinnen und Kroaten in der Schweiz bedeuten? Was all die negativen Kommentare künftig wohl für unsere Kinder bedeuten? Wieso fragen Sie vor der Veröffentlichung eines Artikels nicht einmal bei einer Vertreterin oder einem Vertreter der kroatischen Gemeinde nach, wenn Sie in einem Sachverhalt zu wenig Kenntnis haben?

Es werden auch weiterhin immer wieder viele Fragen offen bleiben. Es liegt nun an uns Kroatinnen und Kroaten in der Schweiz, gewisse Aufgaben ernst zu nehmen. Wir müssen nun als Gemeinschaft einstehen. Wir müssen uns verpflichten, eine feste und klare Position für uns selbst, unsere Kinder und für das Image unserer Heimat einzunehmen. Wir müssen Briefe an Journalisten schreiben, die bekanntlich ab und zu negative Artikel in Bezug auf Kroatien schreiben. Es ist mehr denn je notwendig, ein Medienkomitee zu haben. Ebenso eine Liste von Verbänden, die bereit sind, die Briefe mit ihren Unterschriften zu unterstützen, um diese dann jeweils an die Medienhäuser zu schicken.

In all diesen Geschichten müssen wir nicht immer der gleichen Meinung sein. Eines aber müssen wir haben: Das gleiche Ziel. Und das ist, unsere nationale Identität in dem Land zu bewahren, in dem wir leben.

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Ruža Studer
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